Spielplatz der Grenzgänger – Die Kaltenleutgebener Kalk- und Zementfabrik

Reportage: Julius Tacha

Über die Jahre ist die Fabriksruine in Wien Liesing zur Spielwiese junger Abenteurer geworden. Im Juni 2012 soll das verfallene Industrie-Areal abgerissen werden und einer Wohnhausanlage weichen.

Ein breiter Gurt ist quer durch die verfallene Werkshalle der Kaltenleutgebener Zementfabrik gespannt. Darunter, in der Mitte des Raumes, klafft ein Loch von sechs bis sieben Metern Durchmesser. Zwei Fabriksstockwerke geht es in die Tiefe, in Summe gut zwanzig Meter. Auf dem Gurt balanciert ein junger Mann. Ein Bein ist zur Seite gestreckt, er rudert auf der Suche nach Gleichgewicht. Verstohlen greift der Slackliner zur Sicherungsleine. Ein Schritt. Pause. Noch ein Schritt. Der Gurt unter seinem Fuß schwankt hin und her. Dann rutscht er ab, „Verdammt!“, presst er noch hervor und schon pendelt er ein Stockwerk tiefer in der Luft. Sein Freund zieht ihn an den Rand zurück. Ein neuer Versuch, so lange, bis es klappt.

Fabrik der Abenteurer
Am Fuße des Eichkogels im Wienerwald, gerade noch auf Liesinger Boden, steht die Kaltenleutgebener Kalk- und Zementfabrik. Seit das Zementwerk der Firma Perlmooser 1996 aufgelassen wurde, verfällt es zusehends. „In den ersten Juniwochen kommen die Bagger“, sagt DI Gerald Parzer, Geschäftsführer der verantwortlichen Waldmühle Rodaun GmbH. Stattdessen entsteht eine Wohnhausanlage mit 450 Einheiten. Während die Anrainer ein Verkehrschaos befürchten, bangen junge Abenteurer um einen beliebten Rückzugsort: Denn Sprayer, Airsoft-Spieler, Slackliner und Urban Explorer fanden in den verfallenen Werkshallen Kulisse und Refugium.
An dem lang gestreckten Gebäudekomplex fallen sofort die wuchtigen Zementsilos auf, die sich in den Himmel schieben. Aschgrau und eingeschlagen stieren meterhohe Fensterfronten wie tote Augen auf die Straße. Die Schlösser der großen Metalltore sind aufgezwickt, „Betreten verboten“-Schilder übersprüht.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich die einstige Rohmaterial-Lagerhalle, dahinter eine weiteres Gebäude. In das Absperrgitter ist ein brusthoher Durchgang geschnitten. Demütig beugen sich die Rücken der Eintretenden. Leere Monster-Dosen, Masters of Dirt-Aufkleber, abgerissene Schläuche, Metallstangen und ein zertrümmerter Röhrenfernseher liegen im Dreck. In dem riesigen Raum tut sich eine rund fünf Meter tiefe Grube auf. Über zwei große Trichter sind vor zwanzig Jahren wohl Tonne um Tonne Rohmaterial hinuntergedonnert. Jetzt liegt hier nur noch zentimeterdicker Staub – aufgewirbelt durch den Wind steigt er in die Höhe wie Rauch im Licht.

Werksführung
Inmitten der Grube steht auf einem kleinen Podest ein alter Wohnzimmersessel. Einem Thron gleich inmitten der Ruhe. Auf Biker wartet er, die im angrenzenden Steinbruch ihre Downhill-Routen fahren, auf Sprayer, die die kahlen Betonmauern der Fabrik mit ihren grell-bunten Namenszügen zu Leben erwecken, auf Urban Explorer, die auf der Suche sind nach den außergewöhnlichen Orten der Stadt. Sie alle angelockt durch den Reiz des Verbotenen, von Fotoblogs im Internet oder den Erfahrungsberichten von Schul- und Studienkollegen.
Bei einer Umlademaschine im Gebäudekomplex auf der anderen Straßenseite plaudern zwei langhaarige Mittzwanziger und ein junger Asiat. Couchsurfer sind sie, Teil eines Netzwerks, das sich gegenseitig kostenlose Schlafplätze auf Reisen anbietet. In ganz passablem Englisch lotsen die beiden ihren Gast durch das Zementwerk. Sie selbst waren schon öfter hier und kennen die Wege. Der eine trägt modische Brillen und einen Dreitagebart. Der andere – in gelben Bermudashorts, mit Flip-Flops an den Füßen – sagt: „Es soll ja bald abgerissen werden.“

Labyrinth aus Staub und Stein
Das Innere der Fabrik gleicht einem Labyrinth. Hallen und Korridore ähneln sich, wiederholen sich. In scheinbar willkürlicher Abfolge führen sie von Kellern auf Dächer und von Silos in Aufenthaltsräume. Gänge verlieren sich im Nirgendwo oder sind schlicht unzugänglich. Eine Treppe hört einfach auf, ihre Verankerung ist aus der Wand gerissen; träge baumelt das verbleibende Stück in der Luft. Andere Steige sind unter der Last herabgefallener Ziegelsteine zertrümmert. Feuerleitern und Metallstiegen klammern sich zwischen die Gebäude, wandern über die verschiedenen Ebenen, ragen sogar aus den Trakten, durch die Luft und wieder in die nächste Halle hinein. Leere Liftschächte verschlucken verirrte Lichtstrahlen. Rohre mit unterschiedlichsten Durchmessern winden sich wie Gedärme an Wänden entlang. Stahlträger ragen wie Stalaktiten von der Decke. Sicherungskästen sind aufgerissen, Kabel nach wenigen Zentimetern abgezwickt, wie verstaubte Fransen hängen sie aus den Buchsen. Notschalter stülpen sich tot aus verrosteten Maschinen. Graffitis bilden die Patina, die das ganze Gelände überzieht. Großflächig bedecken Namenszüge und Bilder Beton und pockennarbigen Verputz. Dazwischen zwängen sich aberdutzende Tags, einfache Signaturen, der Ultras Rapid 1988.

Airsoft-Gelände
In gut zehn Metern Höhe überspannt ein Förderband die Kaltenleutgebner Straße. Es erstreckt sich vom Vorplatz der Lagerhalle bis zum Fabriksgelände auf der anderen Straßenseite. An ihm entlang führt ein ehemals gesicherter Wartungssteg. Darunter ziehen Autos und Radfahrer vorbei. Im Dach eines hohen Gebäudes verschwindet das Förderband schließlich.
Hinter der Tür steht ein Bursche um die Zwanzig. Im Anschlag hält er ein Maschinengewehr. Kein echtes freilich, „nur“ eine Softgun. Er schaut kurz und senkt dann die Waffe. Der Junge trägt eine verschmutzte Sporthose und Sonnenbrillen. In seinen kurzen blonden Haaren glitzern die Schweißperlen. „Servus“, grüßt er und wendet sich wieder ab. Hinter ihm kommt sein Kollege zum Vorschein. Auch er hält ein Druckluftgewehr in der Hand und hat seine Augen mit einer Schutzbrille bedeckt. Sie spähen durch die Löcher in der Wand, halten Ausschau nach dem gegnerischen Team. Dem Team, mit dem sie Airsoft spielen, ein taktisches Geländespiel, vergleichbar mit Paintball. In den verlassenen Hallen und Türmen des Zementwerks haben sie das Gelände gefunden, das dem der Ego-Shooter um nichts nachsteht und sie an Authentizität sogar übertrifft.

Gästebuch der Turmbesteiger
Der Bergfried der Fabriksruine ist ein knapp 80 Meter hoher Turm. Mit seiner Höhe überragt der ehemalige Wärmetauscher die Silos und Schlote. Früher wurde in ihm das Rohmehl-Gemisch auf 1450° C erhitzt und dann in den Zementofen geleitet. Wie kommt man hinauf? Den einen Weg dorthin gibt es nicht. Zu verworren sind die Zugänge. So startet man also am Treppenaufgang einer benachbarten Halle, geht über Metallstege, durch verrammelte Steuerungsräume, an Förderschnecken auf dem Dach entlang und unter Heißluftrohren hindurch. Nach etwa einer halben Stunde gelangt man endlich auf eine Turmplattform in mittlerer Höhe. Durch die offene Nordost-Seite weht der Wind herein. Berge von alten Ziegelsteinen häufen sich am Boden, Glasfaserwolle quillt darunter hervor. Auf einem aus Ziegeln aufgeschichteten Tisch liegen Zettel und Kugelschreiber: das Gästebuch der Turmbesteiger. Einige sind in den letzten Tagen vorbei gekommen. Der letzte Eintrag ist etwa eine Stunde alt. Von nun an geht es schneller, immer höher tragen einen die Füße über ausgebeulte Gitterstufen.
Auf dem Dach entfaltet sich der Ausblick über das Kaltenleutgebener Tal. In der Ferne, bläulich verschwommen wie in einem Sfumato-Gemälde, zeichnet sich die Wiener Skyline ab. Eine weiße Taube sitzt auf der Brüstung aus Beton, über dem Wald kreist ein Falke. Die Sonne geht hinter den Hügeln unter und überzieht Kaltenleutgeben mit einem letzten orangefarbenen Lichtfilm. Den ganzen Ort umgibt eine Aura lebendiger Ruhe. Noch weilt diese Ruhe. So lange, bis die Bagger anrücken und die Bewohner der Fabrik sich ein neues Zuhause suchen.

Links:
Virtuelle Zementfabrik – juracement.ch
Lafarge Perlmooser GmbH – lafarge.at
Das Wohnprojekt – derstandard.at
Das Verkehrschaos – immobilien.diepresse.com

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Fotos: ⓒ Hanna Madsen, Julius Tacha

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